Rezension zu Das verlorene Dorf  von Stefanie Kasper

Als die junge Waise Rosalie Ende des 19. Jahrhunderts ins Ostallgäu zieht, ahnt sie nicht, dass bald darauf eine Begegnung ihr Leben für immer verändern wird. In Romar, einem Bauern aus einem abgelegenen Dorf, scheint die einsame Frau ihr Glück gefunden zu haben. Schon bald darauf heiraten die beiden und Rosalie setzt zum ersten Mal einen Schritt nach Haberatshofen, Romars und nun auch ihr Zuhause. Die Dorfgemeinschaft ist freundlich und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sich Rosalie nicht ausgegrenzt. Doch schon bald kommt es zu unerklärlichen Todesfällen in dem  sonst so friedlichen Dorf und Rosalie beginnt, zu zweifeln…

Zugegebenermaßen bin ich sonst nicht der größte Fan von Storys, die in Deutschland spielen. Für mich eignet es sich einfach nicht als Land für geheimnisvolle Thriller oder sogar Fantasy, dafür ist mir Deutschland immer zu nüchtern. Doch dieses Buch hat mir das glatte Gegenteil bewiesen. Ich muss sagen, ich bin positiv überrascht.

Allein die Idee hinter dem Roman finde ich sehr spannend: Ein abgeschiedenes Dorf, in dem seltsame Todesfälle und unerklärliche Phänomene auftreten und Dorfbewohner, die von alledem nichts wissen wollen. Es ist mal etwas Neues und besonders anregend durch die aus der Realität gegriffenen Ansätze, die auch hinten im Buch nochmal erläutert werden.

Auch die Figuren konnten mich überzeugen. Rosalie als Hauptfigur und personale Erzählerin wurde recht tiefgründig beleuchtet. In ihrem Außenseiterdasein als Waise konnte sie einem richtig leidtun, weshalb ich sofort mit ihr mitgefiebert habe und wissen wollte, wie es mir ihr weitergeht. Ihr großer Drang nach Zugehörigkeit erscheint in diesem Kontext nur menschlich und als sie von der Dorfgemeinschaft so herzlich aufgenommen wird, kann man ihr Glück durchaus verstehen. Dass sie dieses Glück schließlich sogar über ihr Misstrauen und ihre Angst stellt, lässt sie jedoch schnell naiv wirken. Ich muss zugeben, es gab so einige Stellen an denen ich als Leser sie schütteln und anschreien wollte, dass sie mal die Augen aufmachen und nachdenken soll, doch entgegen aller Erwartungen und völlig entgegen dem, was ein „guter“ Held tun würde, bleibt Rosalie bis fast zum Ende naiv und hält an ihrem Glück fest. Sie verleugnet alles oder tut es als Zufall ab, bis das nicht mehr möglich ist. Aber genau diese unglaubliche Naivität hat Rosalie für mich auch so menschlich gemacht.

Mir persönlich hat es auch gut gefallen, dass die restlichen Dorfbewohner rund um Romar eher undurchschaubar oder zwiespältig geblieben sind, denn so wurde nichts vorweggenommen und man konnte bis zum Ende miträtseln.

 Stefanie Kasper ist es gelungen, die Neugier des Lesers zu wecken. Es wird sehr schnell Spannung aufgebaut und bis zum Schluss gehalten, was in diesem Buch vor allem den Figuren zu verdanken ist. Wichtige oder enthüllende Informationen kommen dabei nicht zu schnell, sondern „gut proportioniert“ ans Licht, sodass weder große Längen entstehen, noch der Leser bereits nach den ersten 100 Seiten genau weiß, was Fakt ist. Auch wenn in der zweiten Hälfte des Buches das große Ganze dann recht eindeutig wurde, waren viele Details immer noch nicht enthüllt. Als Leser ahnt man so zwar etwas von der Bedrohung, kann aber immer noch nicht sagen, wie es ausgehen wird.

Und da wären wir auch schon, beim großen Wermutstropfen dieses Romans: dem Ende. Ich bin mir sicher, Happy-End-Liebhaber können sich für diese letzten Kapitel tatsächlich begeistern, doch aus meiner Sicht hätte man sie einfach streichen sollen. Mit einem etwas tragischeren Ende hätte die Geschichte meiner Meinung nach noch einiges an Glaubwürdigkeit gewinnen können. Doch dieses Happy-End, das ab Kapitel 35 folgt, wirkt kurz gesagt einfach nur gezwungen, klischeehaft und unglaubwürdig. Für mich wirklich enttäuschend, wo das Buch doch so schön tragisch und düster hätte enden können, wie es die Stimmung versprochen hat…

Die vereinzelten Einschübe aus der Gegenwart fand ich auch nicht so toll. Für mich waren sie einfach überflüssig, denn Spannung war ja auch so da und einen Bezug zur Gegenwart hat die Geschichte wirklich nicht nötig.

Dennoch ist Das verlorene Dorf ein überraschend spannender und geheimnisvoller Roman, den es zu lesen lohnt. Besonders Happy-End-Fans kommen hier auf ihre Kosten, doch auch alle anderen, die gern in etwas düsterere Stimmung eintauchen, sind hier richtig. Ein sehr atmosphärischer Roman für düstere Februartage im Bett.

4/5

Advertisements