Rezension zu Der erste letzte Kuss von Ali Harris

Kennen Sie diese Menschen, die meinen, ihr Leben bestünde aus einer Aneinanderreihung von Filmmomenten? Die im Geiste einen Soundtrack hören, wenn sie die Straße hinuntergehen, oder sich vorstellen, eine Figur aus einer romantischen Liebeskomödie zu sein, sobald sie ein Rendezvous haben? Nun, ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Bis ich Ryan begegnet bin, habe ich nie gedacht, dass mein Leben auch nur im Entferntesten an einen Film erinnern könnte.

Dies ist die Geschichte einer großen Liebe, der Liebe von Ryan und Molly und wie sie sich ineinander verliebten und wieder auseinandergerissen wurden. Als Molly Ryan das zweite Mal küsst, weiß sie, dass sie für immer zusammen sein werden. Sechs Jahre und tausende Küsse später ist sie mit dem Mann ihrer Träume verheiratet. Doch beide ahnen nicht, welches Schicksal die Zukunft für sie bereithalten wird…

Der erste letzte Kuss war eigentlich eines dieser Bücher, von denen ich mir nicht allzu viel erwartet habe. Ich war schon auf eine durchschnittliche, vielleicht sogar etwas kitschige Romanze eingestellt, als ich den Titel gelesen habe. Doch dass dieses Buch mich so von den Socken hauen – ja sogar das erste sein würde, bei dem ich je geweint habe – damit hatte ich nicht gerechnet.

Auf um die 500 Seiten wird hier eine wahnsinnig rührende Geschichte erzählt, eine Lovestory, die zwar märchenhaft erscheint, aber genauso gut mitten aus dem Leben stammen könnte. Es war toll, zu sehen, wie Molly und Ryan durch Höhen und Tiefen gehen, wie sie sich trennen und wieder zueinander finden und wie sie alle Schwierigkeiten meistern. Sie waren das perfekte Paar – perfekt unperfekt, wie man sagen könnte – mit seinen ganz eigenen Problemen, mit Streitereien und Kompromissen, die einem die ganze Geschichte erst richtig nah bringen. Schließlich will niemand 500 Seiten lang nur davon lesen, wie toll die beiden doch sind und dass sie jede Macke des anderen zu absolut jedem Zeitpunkt lieben.

Auch der Schreibstil war dazu passend sehr locker und flüssig. Die ganze Geschichte wird aus der Perspektive Mollys erzählt, sodass man sich natürlich besonders als Frau gut in die Situationen hineinversetzen und ihre Gefühle richtig nachvollziehen kann.

Der einzige kleine Minuspunkt, den ich an dieser Stelle bemängeln möchte, ist die Aufteilung des Romans. Die einzelnen Kapitel sind hier nämlich nicht chronologisch, sondern thematisch – nach Küssen – geordnet, sodass die ganzen Zeitsprünge am Anfang etwas verwirrend waren und man sich erst einmal hineinfinden musste. Aber wenn man sich erst mal darauf eingelassen hat, versteht man schnell, wie es gedacht ist und kann sich in der Geschichte richtig verlieren.

Aber jetzt nochmal zu den Küssen: Am Anfang jedes Kapitels wird eine bestimmte Art von Kuss beschrieben, von dem das Kapitel dann handelt. Erst gegen Ende erfährt man, dass diese Einschübe Blogeinträge von Molly sind, die versucht, alle Küsse von sich und Ryan zu sammeln. Meiner Meinung nach eine wirklich süße Idee und mal etwas Anderes, das Abwechslung in die Geschichte bringt und zum Nachdenken anregt, wie viele Bedeutungen ein kleiner Kuss eigentlich haben kann…

Die Charaktere selbst sind ebenfalls sehr gut gelungen. Molly und Ryan sind beide sehr sympathisch – im Laufe des Buches lernt man sie mit all ihren kleinen, aber liebenswürdigen Macken und kennen. So ist Molly zum Beispiel ein riesiger Fan von To-Do-Listen, während Ryan ständig vergisst, einen Untersetzer zu benutzen. Die Art, wie sie beide trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammenpassen, macht dabei für mich den Charme dieses Romans aus.

Auch die anderen Figuren werden recht tiefgründig beleuchtet. Casey und Mia stand ich oft sogar zwiespältig gegenüber und auch Jackie habe ich nicht immer geliebt, aber es gab genauso wenig eine Figur, die ich von Anfang bis Ende gehasst hätte. Fast alle entwickeln sich in gewisser Weise und es ist wirklich interessant zu sehen, wie verschieden die Wege sein können, die Menschen während ihres Lebens einschlagen.

Aber apropos Ende: An diesem Roman war das der Punkt, der mich dann wirklich zu Tränen gerührt hat. Dass es so endet, hatte ich eigentlich von Anfang an gewusst, aber wenn man die Figuren dann alle ins Herz geschlossen hat und meint, sie zu kennen wie die eigene Familie, bekommt diese Art von Ende eine ganz neue, emotionale Dimension. Die Message des Romans, besonders die der letzten Kapitel, ist dabei so schön, dass es, wie bereits erwähnt, das erste Buch seit Langem war, bei dem ich heulen musste. Insgesamt kann man es sicherlich mit Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes vergleichen, aber ich finde, es hätte einen eigenen Film verdient – allein, weil es so wunderschön ist.

Das Buch ist rundum perfekt, zum Lachen und Weinen und mit einer wundervollen Botschaft. Es geht nicht nur um Liebe, sondern um das Leben an sich, darum, was es bedeutet, loszulassen, neu anzufangen, aber auch, wie wichtig es ist, sich zu erinnern und an schönen Momenten festzuhalten. Kein Buch, das ich so schnell vergessen werde. Diese 500 Seiten sprühen nur so vor Leben und Freude.

5/5

Advertisements