Rezension zu Das Haus der verlorenen Kinder von Linda Winterberg

Norwegen, 1941: In dem kriegsgebeutelten Land verlieben sich Lisbet und ihre Freundin Oda in die falschen Männer – in deutsche Soldaten. Ihre verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden jungen Frauen verlieren alles, was ihnen lieb ist. Ausgerechnet bei den deutschen Besatzern scheinen sie Hilfe zu finden. Doch beide ahnen nicht, worauf sie sich einlassen.

An der Seite der jungen Marie, die auf der Suche nach ihrer Vergangenheit über Lisbets Geschichte stolpert, begibt man sich zurück in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Dabei wird die gut recherchierte und eher unbekannte Thematik des nationalsozialistischen „Lebensborn-Projekts“ und das schwere Schicksal der „Deutschenmädchen“ anhand eines berührenden Einzelschicksals erzählt.

Die Idee hinter dieser Geschichte ist längst nichts Neues – ein besonderes Familienschicksal, verlorene Verwandte und eine Suche, die bis in die Gegenwart andauert – jedoch ist es auch genau diese Art von Geschichte, die mich jedes Mal aufs Neue zum Lesen bringt. Einer geheimen Familiengeschichte konnte ich eben noch nie widerstehen.

Jetzt aber zu den Charakteren, die mich doch etwas zwiespältig zurücklassen. Die Charaktere der Vergangenheit rund um Lisbet waren wirklich schön ausgearbeitet und haben mir alle sehr gut gefallen. Besonders mit Lisbet, die trotz aller Schwierigkeiten für ihre Liebe und ihr Kind kämpft, habe ich mitgefiebert, wobei die Verbindung zwischen ihr und Betty eigentlich von Anfang an offensichtlich war. Auch die Freundschaft zwischen ihr und Oda fand ich sehr berührend.

Marie hingegen war mir irgendwie unsympathisch – es wirkte, als ob man sie zwanghaft bemitleiden sollte, schließlich wurde keine Gelegenheit ausgelassen, zu betonen, wie schrecklich ihr bisheriges Leben gewesen sei. Ich meine, sicherlich hat man es als Heimkind schwerer als andere, aber etwas positiver hätte Marie von mir aus trotzdem gern sein dürfen. Und Jan, als ihr One-Night-Stand-Plus, wirkte die ganze Zeit über distanziert, obwohl er so ein wichtiger Teil der Geschichte ist.

Man merkt schon, die Geschichte der Vergangenheit hat mir wesentlich besser gefallen, weshalb ich auch froh war, dass der Fokus auf diesem Teil der Handlung lag. Es war einfach wesentlich spannender und emotionaler, Lisbets Schicksal nachzuverfolgen, als sich aller paar Seiten Maries Ausschweifungen über ihre Einsamkeit und ihre schlimme Kindheit anzuhören. Auch die restliche Handlung in der Gegenwart blieb eher flach, Spannung kam – zumindest bei mir – nicht besonders oft auf, weil Vieles, um das es bis zum Schluss großen Wirbel gab, sehr vorhersehbar war und es auch ansonsten keinen wirklichen Showdown oder etwas in der Art gab, das noch einmal frischen Wind hineingebracht hätte.

Und noch eine kleine Sache am Rande, die mich ebenfalls gestört hat: Es schien, als wären absolut alle Heimaufseherinnen und der Jugendamtmitarbeiter direkt aus einem Lexikoneintrag zum Thema Klischees kopiert worden – vollkommen unausstehliche Menschen, die einem die Kindheit und alles andere zur Hölle machen.

Trotzdem muss ich zugeben, dass der Roman, insgesamt betrachtet, ohne große Längen auskommt und dank der Handlung der Vergangenheit, die fast den gesamten Mittelteil einnimmt, auch recht spannend bleibt.

Fazit: Ein unterhaltsamer Roman mit einem eher unbekannten, aber interessanten historischen Hintergrund. Die Geschichte der Vergangenheit war gut recherchiert und sowohl spannend als auch emotional geschrieben, wohingegen die Charaktere und die Handlung der Gegenwart leider eher flach und vorhersehbar blieben. Nichtsdestotrotz wird ein fesselndes Kapitel der deutschen Geschichte in einem berührenden Einzelschicksal erzählt und schon allein das sollte Grund genug sein, einen Blick in das Buch zu werfen.

3/5

 

 

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