Rezension zu Der Liebe eine Stimme geben von Lisa Genova

Nachdem ihr autistischer Sohn Anthony im Alter von acht Jahren starb, hat sich Olivia auf die Insel Nantucket zurückgezogen, wo sie vergeblich versucht , einen Sinn in Anthonys viel zu kurzem Leben zu finden. Zur selben Zeit, in derselben Straße beginnt Beth, die ebenfalls einen schmerzhaften Verlust erlitten hat, durch das Schreiben eines Romans neuen Lebensmut zu fassen. Keine der beiden Frauen ahnt, dass dieser Roman ihre Leben nicht nur verbinden, sondern auch verändern wird…

Obwohl dieser Roman so ganz ohne Love-Story oder Familiengeheimnis daherkommt und deshalb auch eigentlich überhaupt nicht in mein Beuteschema passt, habe ich ihn aus dem Regal gezogen und mitgenommen. Ob es sich gelohnt hat? Darüber bin ich mir noch nicht sicher.

Immerhin ist der Schreibstil sehr schön und vor allem einfühlsam, was bei einem Thema wie Autismus meiner Meinung nach auch sehr wichtig ist. Besonders die Kapitel aus der Sicht von Anthony haben mir dabei wirklich gut gefallen. Durch diese kleinen Einblicke in die Welt des Achtjährigen lernt man, einiges anders zu sehen und gewinnt ein ziemlich tiefes Verständnis für diese Krankheit und die Menschen, die damit leben.

Auch die anderen Personen sind gut getroffen, natürlich und nicht zu übertrieben, voller Potential, mir sympathisch zu werden. Doch irgendwie hat das dann doch nicht ganz geklappt. Es ist immer eine gewisse Distanz zu spüren – jeder scheint nur in seinem eigenen kleinen Reich zu leben, sodass beispielsweise die Beziehung zwischen Beth und ihren Freundinnen eher plantonisch erscheint, obwohl sie immer wieder betont, wie froh sie ist, diese Frauen um sich zu haben.

Das Ende wirkt dann ebenfalls irgendwie gezwungen. Das ganze Buch über hatte ich auf eine einleuchtende Erklärung für die Parallelen zwischen Anthonys Geschichte und Beth‘ Buch gehofft, doch diese Erklärung bleibt aus. Es scheint, als hätte die Autorin auf ihrer verzweifelten Suche nach einer Last-Minute-Auflösung dann doch nichts Anderes als den „Zufall“ gefunden. Aber mal ehrlich… Wie wahrscheinlich ist es, dass Beth, ohne Anthony gekannt zu haben, genau die Facetten des Autismus beschreibt, die auch Anthony gezeigt hat? Dass sie aus Millionen von Vornamen genau den von Olivias autistischem Sohn wählt? Mir jedenfalls erscheint das alles mehr als unrealistisch.

Und auch im Gesamtpaket konnte mich der Roman nicht ganz überzeugen. Alles wirkt, vermutlich aufgrund der Charaktere, recht distanziert, sodass nie wirklich Spannung oder recht große Emotionen aufkommen. Ich würde gern etwas Anderes behaupten, doch ich bin mit diesem Roman nie an den Punkt gekommen, an dem ich völlig gefesselt Seite um Seite geblättert habe und das finde ich wirklich schade, wo das Thema doch so viel emotionalen Stoff bietet.

Zusammenfassend würde ich also schlicht und einfach sagen: Es war okay. Der Roman hat mich gut unterhalten, war einfühlsam geschrieben und besonders durch die Kapitel aus Anthonys Sicht habe ich viele neue Eindrücke über die Krankheit und das Leben an sich gewonnen. Dennoch konnte es mich nicht so richtig begeistern, da die Charaktere zu distanziert blieben und das Ende mich irgendwie… enttäuscht hat.

2/5

 

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