Rezension zu Die langen Tage von Castellamare von Catherine Banner

Seltsam, dass es auf dieser Insel, auf der einer über den anderen besser Bescheid wusste als dieser selbst, auf der die Witwen jedem Gebete aufbürdeten und die älteren Scopa-Spieler schimpften und die alten Fischer einen beim Namen kannten, noch ehe man geboren wurde, einem Menschen dennoch möglich war, so tief wie das Meer zu sein, so unbegreiflich wie die Dunkelheit jenseits der vier Wände in der Bar. Lena würde immer zurückkommen, um über dieselben Ziegenpfade zu gehen wie ihr Urgroßvater Amedeo mit seinem Arztkoffer in der Hand und einem Kopf voller Geschichten, Findelkind, Gründer, Trockenleger von Sümpfen, Heiler von Krankheiten, eingeschworener Beschützer dieses Ortes.

Castellamare ist eine winzige Insel vor der Küste Siziliens. Als der Arzt Amedeo seine Stelle antritt, wird er zunächst misstrauisch beäugt. Er jedoch liebt seine neue Heimat und beginnt, ihre alten Legenden zu sammeln und aufzuschreiben. Eines Nachts hilft er bei zwei Geburten: Das Kind seiner Frau und das Kind seiner Geliebten kommen auf die Welt. Der Skandal kostet Amedeo Ansehen und Position. Um auf Castellamare bleiben zu können, übernimmt er mit seiner Frau ein kleines Café. Es wird der Mittelpunkt der Familie und der Insel – über mehrere Generationen hinweg, durch alle Kriege und Krisen, allen Veränderungen zum Trotz.

Die langen Tage von Castellamare machen ihrem Namen tatsächlich alle Ehre. Fast fünf Wochen habe ich gebraucht, um das Buch endlich zu beenden und noch immer weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Aber von vorn…

Der Roman erzählt eine Familiengeschichte, die sich von der Geburt des kleinen Amedeo Esposito bis ins Erwachsenenalter seiner Urenkelin Maddalena, also über mehr als hundert Jahre erstreckt. Im Grunde genommen ist die Geschichte dabei wirklich gut gemacht, denn sie vereint berührende Einzelschicksale mit der Geschichte der kleinen italienischen Insel. Der Schreibstil hat etwas sehr Poetisches und es gab durchaus nicht wenige Momente, die mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben.

Besonders die Charaktere haben dazu ihren Teil beigetragen, denke ich. Ob Concetta oder Maria-Grazia – alle scheinen diesen unbeugsamen Willen und die Kampfbereitschaft zu haben, die sie schließlich zum Erfolg führt. Es war schön, mitzuerleben, wie sich beispielsweise aus der wilden und ungestümen kleinen Concetta eine knallharte Geschäftsfrau entwickelt, die in ihrem Neffen Enzo schließlich das Ebenbild ihrer selbst findet. Allgemein scheinen die Schicksale aller Bewohner der kleinen Insel auf wundersame und kunstvolle Weise miteinander verknüpft zu sein, sodass die Generationen miteinander verschmelzen und trotz der Veränderungen alles gleich zu bleiben scheint.

Doch vielleicht ist auch genau das der Grund gewesen, warum sich dieser Roman für mich irgendwie gezogen hat. Nach den ersten hundert Seiten kennt man die Insel, ihre Bewohner und Traditionen bereits in- und auswendig. Einerseits bekommt man dadurch natürlich das Gefühl, sehr vertraut mit den Charakteren zu sein und kann die Insel immer mehr als „Heimat“ betrachten, doch andererseits gehen dadurch auch viele spannende Momente verloren. Die Geschichte wirkt mehr und mehr wie eine glatte Erzählung, sodass sie sich zwar flüssig liest, mich jedoch nie richtig fesseln konnte.

Dasselbe Dilemma hatte ich bereits mit Christoph Heins Landnahme, einzig mit dem Unterschied, dass ich diesen Roman tatsächlich nur unter Zwang beendet habe, da ich den Schreibstil nicht mochte und mich nicht einmal die Figuren interessierten. Ich schätze, es ist einfach die Art der Geschichte – eine über mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gestreckte Erzählung – mit der ich persönlich meine Probleme habe. Aber ich bin sicher, es gibt auch den einen oder anderen, der diese Art der Geschichte lieben wird.

Insgesamt lässt mich dieser Roman zwiespältig zurück. Der Klappentext klang sehr vielversprechend und auch der poetische Schreibstil sowie die Charaktere haben mir sehr gut gefallen. Die kleine Insel, ihre Traditionen und ihre Bewohner sind mir irgendwie ans Herz gewachsen. Trotzdem konnte mich die Geschichte nie richtig fesseln und hat sich deshalb leider auch etwas gezogen.

3/5

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