Rezension zu Farbenblind von Colby Marshall

Jenna sah ein letztes Mal durch die Scheibe zu Keaton. Von hier aus konnte sie ihn unvoreingenommen betrachten. Dann ging sie zur Tür. Sie war zwar nicht mehr bei der BAU, der Abteilung des FBI, die das Verhalten von Massenmördern, Entführern und Serienvergewaltigern analysierte, aber wenn man sich einmal mit diesen Monstern beschäftigt hatte, vergaß man nie mehr, wie sie tickten. Wenn man sich in sie hineinversetzte und erkannte, was sie antrieb, verlor man einen Teil seiner eigenen Menschlichkeit, weil man wie sie wurde, weil man verstehen musste, warum sie ihre Verbrechen begingen. „Bei einem Serienkiller-Duo ist immer einer dominant. Der andere ist der Gefolgsmann, der Untergebene. Anders ausgedrückt, der eine ist der Soldat, der andere der General. Bevor wir irgendetwas unternehmen, müssen wir herausfinden, welchen wir geschnappt haben.“

Dr. Jenna Rameys Gehirn besitzt eine seltene Eigenart in der Wahrnehmung, durch die ihre Eindrücke farblich aufblitzen: Rot kann Zorn bedeuten, Liebe oder Kraft. Doch Jenna ist imstande, diese plötzlichen Assoziationen zu nutzen, um aus Personen und Situationen zu lesen wie niemand sonst. Nun hat das FBI den Massenmörder Isaac Keaton festgenommen und die forensische Psychiaterin zu Hilfe gerufen. Im Verhör erfährt sie, dass er es – ob hinter Gittern oder nicht – in der Hand hat, noch mehr Unschuldigen Leid zuzufügen, und besessen davon ist, auch sie unter Kontrolle zu bringen. Jenna allein kann mit ihrem einzigartigen Feingespür verhindern, dass Keatons Drohungen Wirklichkeit werden …

Auf diesen Thriller habe ich mich sehr gefreut, denn allein die Idee einer Profilern mit Synästhesie klang für mich unheimlich spannend. Noch dazu bin ich ein großer Fan von echten Psychothrillern, weshalb das Buch kaum zwei Tage in meinem Regal stand, bis ich angefangen habe, es zu lesen.

Zuerst einmal zu den Figuren: Jenna Ramey als Hauptperson ist wirklich super. Obwohl sie meist ziemlich sachlich wirkt, erfährt man als Leser schnell, dass unter der harten Schale ein weicher Kern steckt. Umgeben von Serienkillern, arbeitet sie mit ihrem Exmann – dem Vater ihrer kleinen Tochter – an einem gemeinsamen Fall, der sie beide an ihre Grenzen führt. Hätte ich nicht gewusst, dass Farbenblind der erste Teil einer Reihe ist, hätte ich gedacht, es gäbe noch einen Vorgängerband, denn Jennas Vergangenheit wird in diesem Teil zwar sehr oft angedeutet und einiges auch näher erklärt, aber es bleiben noch immer Fragen offen. Auch ihre gemeinsame Vergangenheit mit Hank, dem Vater ihrer Tochter, wird nur in einigen Episoden beleuchtet. Dennoch kann man Jennas Zwiespalt zwischen der Liebe und dem Scheitern der Beziehung gut nachvollziehen. Von den anderen Nebenfiguren hat mir persönlich Yancy am besten gefallen. Schräger Name, aber ein sehr humorvoller und dennoch gefühlvoller Typ – wenn auch ein bisschen zu makellos für meinen Geschmack.

Doch wen man in diesem Roman tatsächlich an jeder Ecke anzutreffen scheint, sind Psychopaten. Wütende Racheengel, eiskalte Serienkiller und abgebrühte Marionettenspieler – Colby Marshall hat gleich in Teil eins der Reihe die volle Palette aufgenommen. Mir persönlich hat das aber gefallen, weil man als Leser so von einer Gefahr zur nächsten stolpert. Außerdem haben sie alle entweder nachvollziehbare Motive oder aber eine ziemlich geheimnisvolle und düstere Aura, die mich persönlich über die nächsten Taten hat rätseln lassen.

Dennoch braucht der Thriller etwas Anlaufzeit. Der Anfang zieht sich etwas, obwohl es an Gewalt und Verbrechen durchaus nicht mangelt. Doch etwa ab der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte richtig an Fahrt auf.

Das große Finale erstreckt sich dann viel länger, als man zu Anfang vermutet hätte. Die letzten losen Handlungsstränge werden auf eine Art miteinander verbunden, die mich an einigen Stellen tatsächlich noch überrascht hat und an Action mangelt es bei alledem auch nicht.

Kurz gesagt – ein toller Einstieg in die Reihe um Jenna Ramey. Eine ziemlich außergewöhnliche Idee, verbunden mit jeder Menge Action und tiefen Emotionen. Auch, wenn dieser Thriller etwas Anlaufzeit gebraucht hat, konnte er mich am Ende doch überzeugen und ich freue mich schon auf weitere Teile.

4/5

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