Rezension zu Der Mann, der zu träumen wagte von Graeme Simsion

Sie sang nicht schlecht, und die Leute waren begeistert. Ich meine, sie waren begeistert! Gut, sie traf die Töne und gab alles, aber es war ein sexy Song und sie war mehr Olivia Newton-John als Debbie Harry – oder meinetwegen auch Patti Smith. Aber wer war ich, ein Urteil zu fällen? Sie bekam Standing Ovations und Zugabe-Rufe. Nach einer fünfminütigen Performance hatte sie ihr Publikum voll im Griff, und ich war ein Teil davon. Ich hatte keine Ahnung, was da ablief.

Adam Sharp gefällt sein Leben: Er hat in Claire die perfekte Gefährtin gefunden, arbeitet als IT-Berater in London und gewinnt beim Pub-Quiz alle Musikfragen. Aber ab und zu überkommt ihn die Erinnerung an Angelina Brown. Vor über 20 Jahren, im sonnigen Melbourne, erlebte er mit ihr, was es bedeutet, wenn man die Liebe findet – und sie verliert. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er sie damals nicht hätte gehen lassen?
Völlig überraschend meldet sich Angelina bei ihm. Was will sie? Haben die Songs doch recht, die von der ewigen Liebe erzählen? Und wieviel Risiko darf man eingehen, wenn Träume auf einmal wahr werden könnten?

Nachdem ich seine ersten beiden Bücher, Das Rosie-Projekt und Der Rosie-Effekt sofort ins Herz geschlossen habe, habe ich mich natürlich unheimlich auf den neuen Roman von Graeme Simsion gefreut. Ich war gespannt, ob Der Mann, der zu träumen wagte dieselbe Portion spritzigen Humors enthielt und ob es Simsion ein zweites Mal gelungen ist, so charmante wie eigenwillige Charaktere zu erschaffen. Im Endeffekt war es ganz anders als das, was ich erwartet hatte, aber dennoch ein typischer Simsion-Roman.

Aber von vorn: Adam Sharp ist eigentlich der völlige Durchschnittstyp – Informatiker mit einer Passion für Musik und einer zugegebenermaßen sehr melancholischen Ader. Mit fast jeder seiner Erinnerungen an seine große Liebe Angelina verbindet er auch einen Song, weshalb sich am Ende des Romans schließlich auch eine ausführliche Playlist befindet, die man sich vor dem Lesen zurechtlegen kann. Ich persönlich bin ja nicht der Typ Mensch, der gern beim Lesen Musik hört, zumal ich viele der Lieder nicht kannte, aber ich könnte mir vorstellen, dass es mit der Playlist noch ein Stück emotionaler wird. Aber auch ohne Playlist wird schnell klar – Musik spielt in diesem Roman eine außergewöhnlich große Rolle, spiegelt sie doch all jede glücklichen und traurigen Momente wieder, die Adam vor Jahrzehnten mit Angelina verbracht hat. Denn diese Momente sind schließlich auch der Grund, Adam zu einer Wende in seinem Leben zu überreden, ihn ins Zweifeln und Wanken zu bringen.

Was die Charaktere betrifft, konzentriert sich der Roman tatsächlich sehr auf Adam und Angelina sowie in der zweiten Hälfte auch auf Angelinas Mann Charlie. Von den anderen Personen, besonders von Adams Freundin Claire, bekommt man nicht allzu viel mit. Es gibt, wie mir gerade aufgefallen ist, tatsächlich auch kaum Dialoge zwischen Adam und irgendjemand anderem als Angelina oder Charlie. Aber immerhin diese drei Charaktere lernt man ziemlich genau kennen – und leiden. Es wäre wahrscheinlich zu viel gesagt, dass sie mir ans Herz gewachsen sind, doch die Beziehung zwischen Adam und Angelina hat mich in ihren Bann gezogen. Angelina als Person und ihr Spagat zwischen dem naiven Mädchen von nebenan und der Femme fatale hat mich irgendwie fasziniert und am Anfang wirkte es tatsächlich, als würde zwischen ihr und Adam einer dieser typischen Nicholas-Sparks-Romanzen ablaufen.

Doch weit gefehlt. Was in der zweiten Hälfte des Romans passiert, kann ich noch immer nicht richtig beschreiben. War die Geschichte bis eben noch eine recht realitätsnahe, bisweilen nostalgische oder melancholische Erinnerung an die große Liebe, so verschwindet im zweiten Teil alles, was man jemals über Liebesgeschichten zu wissen geglaubt hat. Nichts läuft in die Richtung, an die man noch vor ein paar Minuten gedacht hätte und mir fällt einfach kein anderer Begriff als abstrakt für diesen Teil der Geschichte ein. Etwas wie in diesem Roman habe ich tatsächlich noch nie zuvor gelesen und es war irgendwie eigenartig, etwas realitätsfern, aber gleichzeitig auch unheimlich spannend und faszinierend.

Zum Ende hin findet der Roman dann doch noch in die gewohnten Bahnen und obwohl ich tatsächlich lange Zeit ein Ende à la Disney erwartet habe, passt bei genauerer Betrachtung das Ende, das Simsion gewählt hat, wesentlich besser zur Geschichte.

Schlussendlich kann ich trotzdem nicht genau sagen, was ich von dem Roman halte. Simsion vermischt hier seinen wunderbar humorvollen Schreibstil mit einem ordentlichen Schuss Melancholie und Nostalgie. Faszinierende Charaktere und eine Geschichte, die so ganz anders ist als eine normale Liebesgeschichte, machen den Roman auf jeden Fall einzigartig und überraschend. Auch Musikliebhaber werden hier definitiv auf ihre Kosten kommen. Mir jedenfalls hat der Roman auf seine eigene, ziemlich ungewöhnliche Weise gefallen.

4/5

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