Rezension zu Wer war Alice? von T.R. Richmond

Wir sind die Summe all unserer Teile, heißt es. Wir sind, was wir lieben, was wir hassen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir sind die Musik, die wir hören, die Bücher, die wir lesen, die Filme, die wir schauen. Wir sind blond, brünett, rothaarig, mit blauen oder pinken Strähnen, wir sind groß und klein und kurvig und schmal, sommersprossig, blauäugig, dunkelhäutig. Wir sind, wovon wir träumen. Wir sind die Spuren, die wir in den Leben anderer hinterlassen. Wir sind Erinnerungen. Doch was bleibt, wenn wir sterben?

Eine junge Frau ertrinkt in einem Fluss. Alice Salmon, so heißt sie. Tochter, Studentin, Journalistin, Freundin – ihr Leben ist so vielseitig wie sie selbst. Sie schreibt Tagebuch, sie liebt Musik und geht gern aus, sie lebt. Doch dann ertrinkt sie. War es Mord? Selbstmord? Ein Unfall?

An diesem Punkt startet T.R. Richmonds Roman Wer war Alice. Bestehend aus Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln, Briefen, SMS und Blogeinträgen wird darin das Leben der Alice Salmon rekonstruiert. Man lernt eine junge Frau kennen, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Bekanntschaften und ihr Leben. Man entdeckt Stück für Stück all die Dinge, die sie selbst hinterlassen hat – Posts auf ihrem Facebook-Account, Einträge in ihrem Tagebuch – und die Dinge, an die andere sich erinnern. Der gesamte Roman wird dabei als Sammlung eines ehemaligen Professors von Alice dargestellt, der versucht, sie und ihr Leben einzufangen. Warum er das tut, bleibt im allerdings Dunkeln.

Und da wären wir auch schon, bei den Schwachpunkten der Geschichte. So wunderbar nachdenklich und interessant T.R. Richmonds Idee zu diesem Roman nämlich auch klingen mag, die Umsetzung ließ leider zu wünschen übrig.

Die Charaktere blieben, bis auf Alice alle blass und einseitig: Da ist der verschrobene, alte Professor – ein fanatischer Lustmolch, dessen Krebserkrankung wohl auch noch Mitleid erregen soll – leider der absolut unsympathischste Charakter, der mir jemals in irgendeinem Buch begegnet ist. Dann gibt es noch Alice‘ beste Freundin Meg. Die Freundschaft der beiden konnte ich als Leserin überhaupt nicht nachvollziehen, denn es wirkte, als wäre es einfach nur die gemeinsame Kindheit, die sie verband und die vereinzelten Beteuerungen, Meg hätte Alice geliebt. Insgesamt war mir dieser Aspekt aus Alices Leben viel zu oberflächlich. Auch Alice‘ Freund Luke, der zwar der sympathischste der Charaktere war, konnte mich nicht überzeugen. Wie bei den anderen Figuren konnte ich auch seine Handlungen teilweise einfach nicht nachvollziehen und sein ewiges Gejammer, Alice wäre seine große Liebe, ging mir schon nach ein paar Seiten auf die Nerven.

Auch vom Schreibstil der Geschichte hatte ich mir etwas mehr erwartet. Die Idee, Alice‘ Leben anhand von Zeitungsausschnitten, Tagebucheinträgen und Social-Media-Inhalten zu rekonstruieren, fand ich richtig gut, doch leider ist T.R. Richmond dabei viel zu weit ausgeschweift. Es wurde so viel unwichtiger Kram erzählt (besonders in den Briefen des Professors), dass ich es teilweise nur noch überflogen habe. Außerdem haben sich Dinge, die man schon längst wusste, bis ins Unendliche wiederholt, sodass es sich irgendwann einfach nur noch hingezogen hat.

Trotz der fehlenden Spannung, habe ich weitergelesen, stets mit der Hoffnung auf ein gutes, vielleicht sogar überraschendes Ende. Doch auch hier wurde ich enttäuscht. Der Autor hätte tausendundeine Möglichkeit gehabt, ein gutes und realistisches Ende zu finden, das den Roman abgerundet hätte, doch stattdessen hat er eine völlig an den Haaren herbeigezogene Lösung gewählt. Für mich wirklich enttäuschend.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass dem Roman eine wirklich gute Idee zugrunde liegt, die Umsetzung allerdings schwach ist. Wer Spannung erwartet, ist hier definitiv an der falschen Stelle. Nichtsdestotrotz greift T.R. Richmond in diesem Roman eine wichtige Frage auf, die den Leser auch über die Geschichte hinaus zum Nachdenken anregen sollte. Wer sind wir und was bleibt von uns, wenn wir sterben?

1/5

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