Allgemein · Schreiben

U für Überarbeiten

Du hast es geschafft. Du hast das Wort „Ende” in fetten Buchstaben unter dein Manuskript getippt. Vielleicht weißt du schon, was jetzt folgt, vielleicht lehnst du dich aber auch erst einmal zurück, weil du glaubst, das schwerste Stück Arbeit ist schon getan. Doch nach der Rohfassung ist vor dem Überarbeiten. Welches von beidem das schwerere Stück Arbeit ist, sei ganz dir selbst überlassen – manchen macht das freie Schreiben der Rohfassung mehr Spaß, anderen das „Herausmeißeln” des fertigen Romans aus ebendieser. Für mich war das Überarbeiten am Anfang purer Horror. Ich habe mich in verschiedenen Versionen verstrickt, immer wieder neue Ideen eingebaut und am Ende wieder ganz von vorn begonnen. Mittlerweile sind das Überarbeiten und ich gute Freunde geworden. Damit dir das auch gelingt, habe ich meine besten Tipps für dich gesammelt und hier zusammengestellt.

  1. In der Ruhe liegt die Kraft

Ohne Ruhe geht beim Überarbeiten gar nichts. Deshalb darfst du dich, wenn du die Rohfassung beendet hast, erstmal ganz entspannt zurücklehnen, dir dein Lieblingsgetränk einschenken und das Leben genießen. Mindestens ein paar Wochen, idealerweise ein paar Monate – so lange, bis deine Geschichte aus deinem Kopf verschwunden ist und du sie mit frischen Augen lesen kannst.

  1. Das perfekte Buch

Während du dich entspannst und dein Leben genießt, kannst du ruhig ein bisschen groß denken. Erinnere dich an die ganz ursprüngliche Vorstellung deines Buchs, an die Atmosphäre, die du kreieren wolltest, die Charaktere und ihre Eigenarten, bis du dein perfektes Buch in allen Details beschreiben könntest. Was sollen deine Leser später über das Buch sagen, wovon werden sie begeistert sein, was wird sie fesseln? Wenn du dein perfektes Buch genau kennst, mach dir am besten ein paar Notizen, denn in den folgenden Schritten werden wir deine Rohfassung in genau dieses Buch verwandeln.

3. Jetzt wird’s bunt

Wenn du dein Manuskript eine Weile ruhen gelassen hast, wird es Zeit, die Marker herauszusuchen. Dann darfst du dir ganz, ganz viel zusammenhängende Zeit freischaufeln und deine Rohfassung einmal komplett lesen. Während du das machst, markierst du alles, was dir seltsam erscheint. Schreib an die Seite, wenn ein Textteil holprig ist, wenn dir Fehler beim Setting oder Logiklücken auffallen, wenn du Plotholes entdeckst oder dir auffällt, dass ein Charakter sich so gar nicht verhält, wie er sollte. Während du liest, solltest du dich immer wieder fragen: Wäre das in meinem perfekten Buch enthalten?

  1. Kleine Häppchen sind leichter zu verschlingen

Wenn dein Manuskript schon ganz bunt vor lauter Kommentaren ist und du am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würdest, ist es Zeit, den Berg Arbeit auf kleine Häufchen zu verteilen. Und zwar kannst du jeden Kommentar bzw. jede Szene mit verschiedenen Labels versehen. Je nachdem, ob das Problem sich auf die Logik und Zeitabläfue bezieht, das Setting, die Charaktere oder den Spannungsbogen, kannst du die Teile mit verschiedenen Farben markieren und hast am Ende schon viel mehr Übersicht in deinem Chaos.

  1. Den Überblick behalten

Besonders, um eine Lösung für die Plotholes zu finden, kann es sinnvoll sein, alle Szenen einzeln zusammenzufassen. Das geht entweder mit Karteikarten oder einer Excel-Tabelle. Für mich war das Programm Scrivener in diesem Schritt die Rettung. Mit jeder dieser Methoden kannst du am Ende ein bisschen probieren, ein paar Szenen hin- und herschieben, vielleicht auch mal ganz weglassen oder neue Szenen überdenken, bis der Plot und Spannungsbogen an dein perfektes Buch erinnert.

  1. Schlachtplan erstellen

Wenn du die Reihenfolge deiner Szenen und die Probleme in jeder Szene erkannt hast, kannst du deinen Schlachtplan erstellen. Dazu schreibst du dir alles, was geändert werden muss und wie du es ändern willst, pro Szene auf. Das kann etwas dauern und vielleicht musst du bei manchem Problemen eine Weile überlegen, bis dir die perfekte Lösung einfällt, aber danach ist der schwierigste Teil der Arbeit getan.

  1. In die Schlacht ziehen

Wenn du die ganze Vorarbeit gepackt hast, musst du eigentlich nur noch deinen eigenen Anweisungen folgen und alle Änderungen einarbeiten. Das kann ein Weilchen dauern, aber ganz am Ende bist du kurz davor, dein perfektes Buch in der Hand zu halten.

  1. Das Feintuning

Zum Schluss kommt dann noch ein abschließender Lesedurchgang. An dieser Stelle kannst du dann schauen, wo Sätze vielleicht noch holprig klingen oder der Ausdruck und die Rechtschreibung nicht passen. Dann kannst du noch ein wenig Feintuning am Text vornehmen, bis dein überarbeitetes Manuskript wirklich schimmert.

  1. Und was ist mit Testlesern?

Wenn du alle Überarbeitungen abgeschlossen hast, kannst du beginnen, nach Alpha-Testlesern zu suchen. Je nachdem, wie die Rückmeldungen dann sind, kannst du noch ein, zwei Überarbeitungsrunden einschieben, bis du und deine Testleser sich einig sind, dass dein Buch in der bestmöglichen Form ist.

  1. Wann ist genug?

Ganz zum Schluss noch die schwierigste aller Fragen: Wann ist das Buch fertig? Nachdem ich hier die ganze Zeit von deinem perfekten Buch gesprochen habe, werde ich jetzt etwas ganz Kontroverses sagen. Perfekt gibt es nicht. Dein perfektes Buch ist eine Illusion, die dir hilft, bei der Überarbeitung ein Ziel vor Augen zu haben. In diesem Schritt musst du dich von der Vorstellung allerdings verabschieden, ansonsten wirst du wahrscheinlich noch Jahre nach winzigen Fehlern suchen und den Text am Ende totüberarbeiten. Stattdessen musst du irgendwann den Punkt finden, an dem du sagst: Mein Manuskript ist jetzt fertig. Es ist das Beste, was ich zu diesem Zeitpunkt erschaffen konnte, ich bin stolz darauf und bereit, es in die Welt zu entlassen.

Wenn du mit deinem Manuskript diesen Punkt erreichst, hast du die Überarbeitung endgültig überstanden und deine Geschichte wird endlich das Licht der Welt erblicken. Und vielleicht findest du bis dahin das Überarbeiten ja gar nicht mehr so furchteinflößend.

Ein Kommentar zu „U für Überarbeiten

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